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Anekdoten und Erlebnisse um den "Kna"
Es gibt kaum einen Dirigenten, um den
sich mehr Anekdoten und Bonmots
ranken, als um den "Kna".
Als bärbeißig wird er
geschildert, schlagfertig und kurz
angebunden, geradlinig mit trockenem Witz. Verletzend grob, aber auch
sensibel und mitfühlend konnte er sein - die sprichwörtliche
Verkörperung der rauen Schale um den weichen Kern.
Legendär wurden seine Reaktionen auf Vorgänge im Dritten
Reich: So soll er in einem
Zornesausbruch einen Aschenbecher nach dem Lautsprecher geworfen haben, aus dem die Rundfunkübertragung
einer "Führeransprache"
erschallte, weswegen die gerade abgehaltene "Meistersinger"-Probe
unterbrochen werden musste. - "Diese
Nazihippe
singt
bei
mir
nicht" soll er gesagt haben, als er
ersucht
wurde, eine Sängerin, welche bekannterweise dem Nationalsozalismus
zugetan war,
zu engagieren....
Kna,
der
"große
Wagnerverehrer"
Bekanntlich war der "Kna" ein
großer Wagner-Verehrer - in künstlerischer Hinsicht. Dass
diese
Verehrung nicht die gesamte Person Wagners umfasste, läßt
die folgende
Anekdote vermuten:
Der verstorbene Bayreuther Oberbürgermeister Hans Walter Wild*
wusste zu erzählen, dass Knappertsbusch in feuchtfröhlicher
Runde in der "Eule" (der Künstler-Stammkneipe in Bayreuth, Anm. d. Verf.) ausgerufen habe:
Seitdem er die beiden Wagner-Enkel
kennen gelernt habe, wisse er erst, was für ein Arschloch Richard Wagner gewesen
sein müsse...
(aus Ernst Gebauer, Bernd Mayer: "Sternstunden von
Neu-Bayreuth", Druckhaus Bayreuth, 2007)
Der grimmige Scherz:
Bei einer Aufführung der Neunten Symphonie
leistete sich Kna einen grimmigen "Scherz": Als der von Karajan
favorisierte Otto Edelmann einsetzte: "O Freunde, nicht diese
Töne", unterbrach ihn Knappertsbusch und sagte trocken: "Also, der
heißt bloß Edelmann!" Die Alt-Solistin Rosette Anday legte
dem jungen Sänger tröstend die Hand auf die Schulter .
(aus: Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien,
Nov. 2008: „Oder glauben Sie das nicht?“ Anekdotisches aus der
Geschichte des Singvereins)
Die notorische Probenunlust
Eines der Markenzeichen von
Hans Knappertsbusch war seine notorische
Probenunlust, von weniger gutmütigen Zungen auch als
Probenfaulheit bezeichnet. Seine typische Ansprache an das Orchester:
"Meine Herren, Sie kennen das Stück, ich kenne das Stück,
dann auf Wiedersehen heute Abend" wurde von Sängern,
Orchestermusikern und den Mitgliedern der schreibenden Zunft in
diversen Variationen zitiert und als Bonmot
verbreitet. Eine Abart
dieses Ausspruches hat der Autor Heiko Bockstiegel sogar als Ttitel
für sein Buch von 1996 über deutschsprachige Dirigenten
gewählt: "Meine Herren, kennen Sie das Stück?".
Nun wird man berücksichtigen
müssen, das Knappertsbusch
nahezu ausschließlich mit namhaften Orchestern, viele davon von
Weltrang, musizierte, bei denen er solide Repertoire-Kenntnisse und
fundiertes handwerkliches Können voraussetzen konnte, sodass die
Probenarbeit in vielen Fällen kaum notwendig war
und die dadurch erhaltenen Energiereserven des Orchesters
der abendlichen Aufführung zugute kamen. Dass dieses Verhalten von
dem "Kna" zudem seine Beliebtheit bei den Orchestermitgliedern nicht
unbedingt schmälerte, versteht sich fast von selbst.
Wie gut dieses Vorgehen in der Regel
funktionierte, soll die folgende
kleine Geschichte belegen:
Im November 1955 stand die glanzvolle Wiedereröffnung der Wiener
Staatsoper nach dem Krieg bevor, und Knappertsbusch hatte von den
sieben Neuinszenierungen, die aus diesem Anlass gezeigt wurden, den Rosenkavalier zu dirigieren. Schon
die erste Orchesterprobe soll er mit den Worten abgebrochen haben:
"Meine
Herren, Sie kennen den Rosenkavalier, ich kenne den Rosenkavalier - wir
sehen uns bei der Bühnenprobe."
Der Erfolg gab dem "Kna" recht:
Über die Premieren-Aufführung
schreibt z. B. der österreichische Musikkritiker Heinrich Kralik am 18.
11. 1955 in der Zeitung "Die Presse": "Man
hört
eine
schwungvolle,
impulsive
Darstellung.
Mit
genießerischer
Kennerfreude
werden zumal die klanglichen
Schönheiten und Feinheiten vor dem Hörer ausgebreitet."
Die
gelungene
musikalische
Darbietung wurde
für die Nachwelt mitgeschnitten, sodass man sich auch heute noch
von deren hohen Qualität überzeugen kann.
(aus dem Booklet zu: "Wiener Opernfest 1955, Highlights" von
Orfeo)
Der
Fliegergeneral
Hans Hotter*,
der renommierte
Wagnersänger, erinnert sich an ein Ereignis mit Kna an der Wiener
Staatsoper während der Kriegszeit:
"Meine liebste Kna-Geschichte handelt von einem Vorsingen in der Wiener
Staatsoper während des Krieges. Ich habe sie selbst miterlebt, als
ich für einige Vorstellungen nach Wien gekommen und eines
Vormittags ein Vorsingen auf der Bühne angesetzt worden war. Teils
aus Neugierde, teils aus Langeweile begab ich mich zur festgesetzten
Stunde in den Zuschauerraum, wo sich bereits alle sogenannten
Vorstände des Hauses versammelt hatten: Direktoren,
Vizedirektoren, alle Kapellmeister einschließlich Knappertsbusch,
Korrepetitoren, Regisseure mit ihren Assistenten,
Direktionssekretäre und Sekretärinnen, eine Reihe von
Solisten, Chorherrschaften und viel Leute von außerhalb. Auf der
völlig leeren, riesengroßen Bühne stand vorne rechts
ein Klavier, kein Flügel, ein Klavier, bei den Proportionen der
Bühne winzig wirkend, an dem, mit dem Rücken zu uns ein
Korrepetitor namens Meid saß, ein schmächtiger, unscheinbar
wirkender kleiner Mann, aber ein ausgezeichneter Musiker und Pianist,
der die Vorsingenden begleiten sollte. Auch er wirkte auf der
Riesenbühne noch kleiner, als er ohnehin war. Der Ablauf der
Vorsingprozedur lag in den Händen des Operndirektors Dr. Kerber.
Zuerst kamen drei Sänger mit unattraktiven Durchschnittsstimmen,
die mit dem Bescheid "Sie werden benachrichtigt" entlassen wurden. Dann
kündigte Dr. Kerber an: "Der nächste Kandidat ist ein Tenor,
kommt aus Berlin und ist Beamter im dortigen Luftfahrtministerium. Er
wird von seinem Chef Hermann Göring persönlich betreut, als
besondere Begabung gefördert und wurde von diesem zur Beurteilung
seiner Stimmmittel zu diesem Vorsingen nach Wien geschickt."
Das Staunen der Zuhörer wuchs, als ein kleiner, etwas dicklich
untersetzter Herr die Bühne betrat. Er begann zu singen - es war
schlimm, so schlimm, dass sich Kerber zu Kna wendete und meinte: "Ich
glaube, das erübrigt sich, wir haben genug gehört."
Aber Kna sagte mit der ernsthaftester Miene der Welt zum Erstaunen der
Zuhörenden: "Wieso? Der Herr ist eigens aus Berlin gekommen, von
Herrn Göring empfohlen. Jetzt soll er auch mal ordentlich singen."
Der kleine Dicke fuhr fort zu singen - es wurde immer ärger. Bei
der dritten Arie lief sein Gesicht rot an, und die Stimme klang
gequält. Er raffte sich zu fünf Titeln auf, die Stimmung im
Zuschauerraum wechselte zwischen Entsetzen und Erheiterung.
Der Sänger verließ erschöpft und deprimiert den
Schauplatz der Handlung. Für eine Weile herrschte absolute Stille.
Auf der Bühne stand nur noch das Klavier, und davor saß der
kleine Meid, der anscheinend noch auf weitere Vorsänger wartete.
Da durchbrach Knas Stimme unbarmherzig das Schweigen: "Na, da wollen
wir mal im Gegenzug Herrn Meid nach Berlin schicken und ihn Herrn
Göring als Fliegergeneral vorschlagen." Die "Empfehlung"
löste schallendes Gelächter aus - und es brauchte Mut, in der
damaligen Zeit eine solch offene Verhöhnung zu wagen!"
( aus: Hans Hotter: "Der Mai war mir gewogen....". Erinnerungen,
Kindler Verlag, München 1996 )
Die
Geschichte
mit
der
Feder
Wenn Knappertsbusch in
Bayreuth auftrat, ging er zum Essen gerne in den Bayerischen Hof. Dort
passierte die stadtbekannte Geschichte mit der Feder. Hans Seuss, der Inhaber des Bayerischen Hofs
erzählt, was sein Vater erlebte:
"Es war die Zeit, da trugen die Damen gerne große Federn auf
ihren Hüten und so eine Dame saß mit Hut im Lokal. Und es
störte Herrn Professor Knappertsbusch. Sonst saß er ja
eigentlich immer mit dem Rücken zum Publikum, aber er sah diese
Feder und es störte ihm wahnsinnig. Da hat er meinem Vater gesagt:
Entweder es verschwindet diese Feder vom Hut der Dame oder aber er muss
das Lokal verlassen. Dann ist also mein Vater hingegangen, mit einer
Schere bewaffnet und hat der Dame gesagt: »Der Herr Professor
Knappertsbusch wünscht, dass ich Ihnen die Feder
abschneide!« Und - Gott, das hätte ja völlig
schief
gehen können! Er stand nun vor der Alternative: Entweder Herr
Professor Knappertsbusch geht oder aber die Dame verlässt
verärgert unter großem Protest das Lokal.
Die Dame hörte das, war überglücklich,
dass
der
Herr
Professor
Knappertsbusch
ausgerechnet
wünscht,
dass
ihre
Feder
abgeschnitten
wird
und
hat
gesagt:
»Die
kommt
bei
mir
in die
Vitrine, das ist eine ewige Erinnerung daran, dass eben der Wunsch von
diesem großen Dirigenten ausging.«
Es gelang, die Feder wurde abgeschnitten, Herr Professor Knappertsbusch
hat sich beruhigt und der Abend war gerettet."
(Aus einem Fernsehinterview 1975.)
Anmerkungen:
a) Recherchen ergaben: Die Geschichte muss sich 1951 oder 1952
abgespielt
haben. b) Die gleiche
Geschichte, stilistisch aufpoliert, liest sich
in dem Buch "Bayreuther G'schichtla" wie folgt: Link
"Wissen
Sie
noch:
Fis!!"
Berühmt
war
der
Kna
auch
wegen
seines
guten
Gedächtnisses.
Walter
Theurer, Soloflötist
des Bayerischen
Staatsorchesters, schildert folgende Begebenheit:
"...Sein Gedächtnis war ja
phänomenal. Die längsten Wagner-Opern: Er schaute nie in die
Partitur - obwohl er sie aufliegen hatte. Zwischendrin nahm er mal eine
Handvoll Seiten, schlug sie rüber, ohne hinzuschauen, was er
aufgeschlagen hatte, und dirigierte weiter. Es war erstaunlich!"
Dann
weiter: "Eine meiner letzten
Begegnungen mit Kna war
in der Leopoldstrasse. Ich ging Richtung Siegestor, er kam mir
entgegen, und so fünf Meter vor mir blieb er stehen. Ich ging
weiter,
er setzte mir seinen Schirm auf die Brust und sagte: »Na,
T(h)eurer!
Sie
waren doch noch ein Kind, als ich Sie engagiert habe. Sie trugen doch
noch kurze Hosen!« Und dann: »Wissen Sie noch: Fis!!«. - Ich wusste es
schon:
Vor einigen Jahrzehnten hatte ich mich mal geirrt, hab' statt f fis
geblasen. Das wusste er noch.
Dann zwinkerte er mir zu und ging weiter."
(Aus einem Fernsehinterview 1988)
Die fehlende Disziplin
Otto
Strasser*, Vorstand der
Wiener Philharmoniker von 1958 bis 1967, erzählt:
"So unkompliziert »Kna«,
wie
wir
ihn
nannten,
zu
sein
schien
und
wie
wenig
er
auf
seine
doch
immer
vorhandene
Autorität
pochte,
so
konnte
er
auf Verstöße gegen die Disziplin doch sehr empfindlich
reagieren.
Einmal, während einer Siegfried-Aufführung hatte vor Beginn
des zweiten
Akts eine Gruppe von Blechbläsern das Zeichen für das
Pausenende
überhört. Knappertsbusch kam ans Pult gestürzt, begann,
ohne sich
umzusehen, zu dirigieren, die Pauke setzte mit ihrem Pianissimo-Tremolo
ein; und als er der solistischen Tuba den Einsatz gab, musste er
feststellen, dass der Tubist fehlte. Dazu noch der erste Trompeter und
Andere. Er war gezwungen abzuklopfen, zu warten, bis die Sünder
erschienen, und konnte erst dann von Neuem beginnen. Nach diesem
Vorfall war er buchstäblich ein volles Jahr auf uns böse und
keiner
Annäherung zugänglich."
(Aus: Otto Strasser: "Und dafür wird man noch bezahlt",
Paul Neff-Verlag 1974, S. 138)
"Nö,
jetzt
ist
es
schon
probiert."
Ein
Paradebeispiel
der bündigen Art des mitunter auch
gefürchteten
Orchestererziehers ereignete sich anlässlich eine Orchesterprobe
zu einem Programm, das mit Webers
"Euryanthe"-Ouvertüre eröffnet werden sollte.
Otto Nielen, ehemaliger
Tonmeister beim WDR erzählt:
"Alles begann damit, dass Knappertsbusch an diesem Tag Geburtstag hatte
und mein damaliger Chef ihm einen großen Blumenstrauß
überreichte. Knappertsbusch knurrte ein kurzes
»Danke«, knallte
die Blumen auf die Ablage unter dem Dirigentenpult und gab dem
Orchester den Einsatz.. Dann kam die Ouvertüre in einem
entsetzlich langsamen Tempo von Anfang bis Schluss. Als alles
vorbei war, drehte er sich zu uns um und meinte:
»Scheißstück!«. Mein Chef sprang ganz schockiert
auf und
sagte: »Aber Sie haben dem Programm doch zugestimmt!«
»Trotzdem
Scheißstück!« insistierte Knappertsbusch. Als mein
Chef ihm
dann anbot, ein anderes Werk zu spielen, konterte er: »Nö,
jetzt
ist es schon probiert!«"
(zitiert aus Fono Forum 07/07)
"Das nächste Mal,
wenn ich Sie wieder nicht erkenne, treten Sie mir in den Arsch."
Hin
und wieder fand sein Grobheit
auch selbstreferenzielle Anwendung.
Dazu schildert der bekannte Bass-Bariton Hans Hotter* ein Erlebnis:
"... Das nächste Mal begegnete ich ihm (Knappertsbusch)
[...] auf dem so genannten »Direktionsgang«, dem
hochheiligen Korridor,
auf den Türen sämtlicher Direktoren,
Direktorensekräterinnen- und Direktionsangestelltenzimmer der
Wiener Staatsoper münden. Er schoss auf mich zu und brummte:
»Neulich haben Sie mich gegrüßt und ich hab Sie leider
nicht
gleich erkannt. Das nächste
Mal,
wenn ich Sie wieder nicht erkenne, treten Sie mir in den Arsch.
Großartiger Jochanaan übrigens, neulich«, und schon
war er
wieder weg."
(zitiert aus Hans Hotter: »Der Mai war mir
gewogen...«)
Auch
der deutsche Tenor der
fünfziger und sechziger Jahre, Fritz
Wunderlich*, hatte zwei Begegnungen mit Kna.
Folgendes trug sich bei der ersten Begegnung 1960 zu:
...Die Aufführung hatte schon begonnen, als
Wunderlich ins Theater kam. Schnell ging er in seine Garderobe, sang
sich
kurz ein, ließ sich vom Maskenbildner in einen italienischen
Tenor verwandeln und kam dann - mit der gesamten
»Antichambre« - wie es
die Marschallin anordnet - auf die Bühne. Der Haushofmeister
führte ihn samt dem ihn begleitenden Flötisten sofort nach
vorne an die Bühnenrampe.
"Wie er da unten im Orchestergraben Knappertsbusch
dirigieren sah",
erzählte Eva Wunderlich, "erstarrte er in Ehrfurcht. Kurz vor dem
Einsatz zu seiner Arie, an einer intrikaten Stelle, kiekste einer der
Hornisten. Kna, unbeirrt weiterdirigierend, schaute zu ihm hinüber
und reagierte mit nur einem Wort: »Arschloch!«. Drei Reihen
ins Parkett
hinein hörte man das mindestens und selbstverständlich
auch auf der Bühne. Dann sang Fritz seine Arie. Und wie er damit
fertig war, salutierte ihm Kna, wiederum mit der Rechten
unbeirrt weiterdirigierend,
mit
der
Linken
auf
die
Bühne
hinauf.
Eines
der
ganz
seltenen
Zeichen
seiner
Zufriedenheit."
Nach Aktschluss ging Knappertsbusch noch kurz
in
Wunderlichs Garderobe, um sich bei dem Neuling persönlich zu
bedanken. Brennend
gern hätte Wunderlich diesen leicht verschrobenen, irgendwie
geheimnisvollen und doch so gütigen Menschen näher
kennengelernt...
(Nach einem Interview, dass der Buchautor Werner Pfister mit Eva
Wunderlich, der Witwe Fritz Wunderlichs, führte. Aus Werner
Pfister:
"Fritz Wunderlich", Schweizer Verlagshaus, Zürich )
Das ornithologische Problem
Eine der
berühmtesten
Begebenheiten war der Kampf um die Taube, die der Kna mit Wieland
Wagner führte. Der sehr gegenständlich denkende
Knappertsbusch konnten den abstrakten Lichtgebilden, durch welche
Wieland die Taube ersetzt hatte, nichts abgewinnen. Um ihn zu einer
Rückkehr nach Bayreuth nach seinem Fernbleiben 1953
wiederzugewinnen, sah sich Wieland zum Einlenken genötigt, ein
Einlenken, das jedoch mit einer gewissen listigen Raffinesse
einherging. Wolfgang Wagner* erinnert sich:
"Daß Hans Knappertsbusch ungeachtet seiner anfangs harten
und rigoros ablehnenden Äußerungen gegen Wieland, mit
Ausnahme des Jahres 1953, dann doch jedes Jahr wieder nach Bayreuth
kam, beruhte letztlich auf seiner großen Verehrung für das
Wagnersche Gesamtkunstwerk.[...] Seine Wiedergewinnung als
»Parsifal«-Dirigent für Bayreuth war für uns
nicht ganz
leicht. Es forderte als das mindeste an Entgegenkommen unsererseits,
daß Wieland am Schluss des Werkes die von Richard Wagner
vorgesehen Taube zeigen müsse, die über den Gral
herabschwebt.
Mein Bruder war zunächst sehr unschlüssig, ob er diesem
Ansinnen, das ihm sehr gegen den Strich ging, nachkommen oder auf
Knappertsbusch verzichten sollte. Schließlich verfielen wir nach
reiflichem Abwägen auf eine »raffinierte« Lösung
des
ornithologischen Problems. Die Taube wurde aus dem Schnürboden so
weit heruntergelassen, dass Knappertsbusch sie zwar vom Pult aus
gerade noch sehen konnte, sie für das Publikum im Zuschauerraum
aber unsichtbar blieb. Nun, die Taube schwebte - der Glaube lebte...
Nach der Aufführung feierte Knappertsbusch mit seiner Frau und
einigen Freunden das Ereignis seiner Wiederkehr nach Bayreuth. Dabei
stellte er mit versöhnter Befriedigung fest: »Endlich hat
der
Wieland wieder die Taube gezeigt«. Seine Frau, die bei seinen
Dirigaten
immer in der ersten Reihe saß, stutzte und erwiderte dann:
»Hans,
ich habe keine Taube gesehen«. Prompt kam die knurrige Antwort:
»Ihr
blöden Weiber seht ja sowieso nichts!« Doch ein wenig
irritiert
und argwöhnisch musste der Meister doch geworden sein, denn
er holte sich nähere Informationen ein, die ihm die
Täuschung, der er erlegen war, bestätigten. Und so wurde die
schon geflügelte Wendung »Wieland, der Halunke« erneut
zum festen
Begriff in seiner Umgangssprache."
(aus Wolfgang Wagner: Lebensakte, Albrecht Knaus Verlag)
Dem Vernehmen nach hatte die Geschichte noch eine Fortsetzung:
Einige Tage später erschien Knappertsbusch im Arbeitszimmer
Wielands und warf ihm wortlos ein Stück Bindfaden auf den
Schreibtisch ...
Fortsetzung folgt...